Der Aufstieg ist steil und anstrengend, die vom Regen ausgewaschenen Pfade sind schmierig, die Sonne sticht. Das Ziel so nah vor Augen, dauert es doch eine gute Stunde bis ich mit Tshering in Kunzhangdrak Goemba angekommen bin. In diesem Kloster, östlich von Jakar will ich eine Woche verbringen. Ein Retreat, Meditation im Schnellverfahren, Sammeln, Entspannen, …. das ist der Plan. Und eine romantische Vorstellung. Die kleinen weiß leuchtenden Gebäude sind an den Felsen geklebt, scheinen jeder Statik zu trotzen, und das schon seit über 500 Jahren, gebaut von Pema Lingpa, einem der wichtigen Figuren des bhutanesischen Buddhismus. Es gehört es zu den wichtigen Klöstern des Landes – und ist doch so weit weg. Touristen kommen selten, und ich bin angeblich der erste Gast, der über Nacht bleibt.
Die erste Ernüchterung nach der Ankunft. Es gibt keine Mönche im Kloster, lediglich fünf Schüler zwischen 18 und 10 Jahren leben im etwas weiter unterhalb gelegenen Gebäude. Ein Lehrer soll sie zu Mönchen ausbilden. Aber wir sehen ihn nur einmal. So sind die Jungen in der Regel sich selbst überlassen.
Sie machen alles: kochen. Dreimal am Tag, Reis und eine Sorte Gemüse. Mal Kartoffeln, mal Blumenkohl, in der Regel Chilis. Wir trinken heißes Wasser oder Tee mit Salz und Butter. Alles findet auf dem schmierigen Boden der dunklen Küche statt, Tisch und Stühle gibt es nicht.

Waschen. Die Jungen starren vor Dreck, und ich schlage vor, dass Waschen doch mal eine gute Idee sei. Am nächsten Tag, es ist sonnig, liegen gewaschene Tücher, die dunkelroten Mönchsumhänge und anderes zum Trockenen auf der Wiese. Die Füße der Jungen blieben weiter schwarz. Körperpflege scheint nicht besonders wichtig. Als ich mich draußen an der Wasserstelle wasche, kommt sofort einer der Jungen, um den Wasserschlauch zu halten. Als ich mich dann auch noch ausziehe, ruft er sofort die anderen in einer Mischung aus Verwunderung, Unverständnis und Scham.

Klosterpflege. Jeden Morgen gehe ich zum Kunzhangdrak Goemba. Ein Zehnminutenweg, der am Ende über eine schmale steile Treppe nach oben zu den kleinen Bruchsteingebäuden führt. Eigentlich besteht die Anlage nur aus vier Häuschen, die ebenfalls über steile Treppen verbunden sind. In jedem ist ein Gebetsraum, ganz einfach aber sehr schön gehalten. An der dem Felsen zugewandten Seite steht ein Altar aus Holz mit leicht anmutenden Schnitzereien. Darüber Figuren des Klostergründers Dema Lingpas, einer führenden Figur des bhutanischen Buddhismus, der das Kloster 1488 gegründet hat, sowie verschiedener Gottheiten, und natürlich Buddha, alle hinter Glas. Hinter einem Vorhang verbergen sich original aussehende Wandmalereien, etwas Schmuck wie Blumen und die typischen an Fahnen erinnernden bunten Stoffverzierungen geben Farbe und Atmosphäre. Die breiten Dielen sind noch mit der Axt aus den Stämmen gehauen und doch inzwischen von den vielen nackten Füßen glatt poliert. Hier zu sitzen und auf die Flamme der Öllampe zu gucken, den aufsteigenden Rauch der Räucherstäbe zu verfolgen, die auf die Säulen gemalten Fratzen zu beobachten, die auf einmal ein Eigenleben und andere Gesichtszüge erhalten – das ist bestimmt noch nicht die hohe Kunst der Meditation. Aber die Ruhe in dieser so einfachen, noch so ursprünglichen Umgebung hilft, die Gedanken zu ordnen, rauszukommen aus der Endlosschleife, klarer zu sehen.
Am Anfang ist es nicht einfach, mit der Zeit klar zu kommen, kaum zu reden, nichts zu tun. Aber schon am zweiten Tag komme ich in den neuen Rhythmus, brauche keine Uhr, und die Stunde im Schneidersitz ist problemlos möglich. Die Jungen kümmern sich um die Blumen, putzen die Öllampen, fegen den Boden, zupfen das Unkraut auf den Steintreppen. Sie organisieren sich selbst. Der 14jährige ist der größte und stärkste von ihnen und eindeutig der Chef, der manchmal auch seinen Kommandos mit Schlägen Nachdruck verleiht.
Studium. Ohne Lehrer passiert nicht viel. Als er sich eines Abends ankündigt, verschwinden alle fünf in ihre Räume, und rezitieren murmelnd in einem leicht leiernden Ton religiöse Texte, geschrieben auf dickem Papier, die Seiten breiter als hoch, eingebunden zwischen zwei dünnen Brettern. Sie sitzen im Schneidersitz, wippen beim Lesen leicht nach vorn und zurück. Es hat etwas Meditatives, erinnert an Rosenkranzgebete. Ob die Jungen wissen, was sie lesen? Und warum? Für wen? Was ist ihre Zukunft? Sie alle kommen aus armen Familien, sehen ihre Eltern einmal im Jahr. Ist das Kloster eine Auffangstation?

Die Jungen haben ihre Scheu verloren, kommen neugierig, um zu sehen, was ich lese, schreibe, stehen in der Tür meines kleinen Raumes und beobachten, was ich mache. Für sie scheint alles interessant. Sie sind noch Kinder. Mit Steinen spielen sie Boule, das einzige Spielzeug, das sie haben, ist ein Mobiltelefon. Wenn es klingelt, weint eine Frau. Die Filme, die sie auf dem winzigen Display sehen, dienen nicht der Erleuchtung. Warum auch? Warum soll es hier anders sein? Gewalt und Sex haben es auch nach Kunzhangdrak Goemba geschafft, nicht nur als Film.